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20180913_134609Willkommen auf der Seite von Prager-Haus Apolda e.V.!

Sie besuchen den Internetauftritt eines gemeinnützigen, ausschließlich dem Allgemeinwohl verpflichteten Vereins, der mit seinem Projekt die Erinnerung an jüdisches Leben in Thüringen beleben, gegen Antisemitismus und jede Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit wirken und die junge Generation zu einem Leben für Toleranz und Menschlichkeit ermutigen will.

Seit 2007 ist die thüringische Mittelstadt Apolda – gewöhnlich als „Glockenstadt“ und ehemaliges Zentrum der Textilindustrie bekannt – zu einem Ort geworden, in dem sich engagierte Geschichtsforscher um die Rekonstruktion der Erinnerung an die jüdischen Einwohner ihrer Stadt bemühen. Anlass war das fragile Vorhandensein des ehemaligen Geschäftshauses eines kleinen jüdischen Fellhändlers, der es in Apolda sogar zur Ehre eines Straßennamens gebracht hat: der Bernhard-Prager-Gasse. Seit Mitte der 1990er Jahre stand dieses Haus leer, das 1925 erbaut worden war, als Geschäftshaus genutzt wurde, von 1940 bis 1942 zwangsweise als sogenanntes Judenhaus von der Prager-Familie verwendet wurde, deren Mitglieder im Holocaust ermordet worden sind. Gegen Kriegsende und in der Zeit der DDR wurde es als Wohnhaus für Evakuierte und Flüchtlinge aus den ehemaligen Ostgebieten genutzt. Als die letzten Mieter ausgezogen waren, rückten die Bagger an, um die Häuser links und rechts davon abzureißen. Jetzt stand dieses Haus, einst fest eingefügt in eine durchgehende Straßenzeile, einsam da und sandte die Botschaft aus: Wenn ihr mich nicht bewahrt, werde ich nicht mehr lange hier stehen. Bald machte ein erster tiefer Riss in der Fassade die Dramatik der Situation sichtbar. Es war höchste Zeit zu handeln, denn der Wegfall der Gaststätte „Deutsches Haus“ linkerhand hatte dazu geführt, dass die linksseitige Giebelwand bedrohliche Senkungserscheinungen aufwies.

Dieses Szenario wurde einigen Mitgliedern der „Geschichtswerkstatt Weimar-Apolda“ zum Anlass, die Apoldaer Öffentlichkeit aufmerksam zu machen und auf Abhilfe zu sinnen. Schließlich war noch in den letzten Jahren der DDR eine Gedenktafel an diesem Handelshaus angebracht worden, die an das Schicksal von Bernhard Pragers Familie erinnert. Unter dem Davidstern mahnt die Tafel „VERGESST SIE NIE!“

Am 26. Januar 2007, am Abend vor dem Holocaust-Gedenktag, versammelten sich über 50 Frauen und Männer im Stadthaus, um sich über eine Möglichkeit der Rettung des Prager-Hauses zu verständigen. Der Kustos der Gedenkstätte Buchenwald, Dr. Harry Stein, hatte einen kurzen Einblick in die Situation der jüdischen Menschen unter dem Nazi-Regime gegeben. Käthe Raphael, eine betagte Überlebende der Shoa, deren Vater in Auschwitz ermordet wurde, berichtete mit ergreifenden Worten vom Schicksal der jüdischen Kinder, die im Versteck überleben konnten. Anschließend trugen sich 31 Personen in eine Liste als Mitglieder des Apoldaer „Prager-Haus-Vereins“ ein. Als dessen Hauptziel nennt das Vereins-Statut, dieses Haus zum Ort des Lernens, der Erinnerung und Begegnung auszugestalten.

Seither mühten sich die Vereinsmitglieder, für ihr Ziel neue Interessenten und Mitstreiter zu gewinnen und zugleich die schon seit Mitte der 1980er Jahre erschlossene jüdische Geschichte der Stadt weiter zu erhellen und den Menschen nahe zu bringen. Diese Arbeit setzte zahlreiche Menschen aus der Stadt und ihrer Umgebung in Bewegung, um das Vorhaben voran zu bringen.

Die höchste Hürde war die Notwendigkeit, Eigentümer des Hauses zu werden, denn die damaligen Stadtvertreter sahen sich nicht dazu in der Lage. So wurde durch die großzügige Spende einer Unternehmerin der Grundstock gelegt, sodass der Verein ins Grundbuch eingetragen werden konnte. Allein diesen Kaufvertrag rechtsgültig abzuschließen, dauerte zwei Jahre (!) nervenaufreibenden Kampf – denn die „Bruchbude“, wie manche Apoldaer das Haus nennen – stand zur Hälfte im Eigentum der Bundesrepublik und zur anderen Hälfte im Eigentum einer spanischen Erbengemeinschaft. Da sich die Bundesbehörde nicht in der Lage sah, diesen Kaufvertrag in spanischer Sprache rechtsgültig abzufassen, war für den Verein neben der Geldbeschaffung die Vorbereitung des spanischen Vertragstextes die nächste große Aufgabe. Im Frühjahr 2009 konnte der Vereinsvorstand den Vertrag endlich notariell besiegeln lassen.

Danach begann die Suche nach Sponsoren. Hilfsbereite Architekten erstellten kostenlos erste Zeichnungen. Anfragen, Briefe und Gespräche mit Parteien, Organisationen und staatlichen Stellen zogen sich über Monate hin. Das betrübliche Ergebnis aber blieb: Weder Parteien noch Stadt, Land oder Bund sahen sich in der Lage, das Bauprojekt grundsätzlich zu fördern. Allerdings stellte das Thüringer Kultusministerium eine großzügige Förderung für die weitere Forschungsarbeit der Geschichtswerkstatt Weimar-Apolda zu Verfügung, die inzwischen eine Arbeitsgruppe innerhalb des Vereins geworden war. Biografien jüdischer Personen in Apolda und Umgebung konnten recherchiert und veröffentlicht werden. Auch ein Standardwerk zu jüdischen Familien ist inzwischen erschienen. Insgesamt sind seit 1999 bislang 35 Veröffentlichungen in den Reihen „gesucht“ und „gefunden“ erschienen, seit 2015 auch zehn Hefte für Heranwachsende in der Reihe der „Apoldaer Judengeschichten“. Buchlesungen und Konzerte mit jüdischen Musikern sowie das regelmäßige öffentliche Gedenken an die Opfer der Pogromnacht vom 9. November 1938 gehören zum festen Programm der Öffentlichkeitsarbeit. Seit 2008 wurden im Stadtgebiet 70  Stolpersteine durch den Aktionskünstler Gunter Demnig gelegt – die meisten davon jüdischen Opfern der Shoa. Auch mehrere Projektarbeiten von Schülern des Gymnasiums wurden von einem Archivforscher und einem Regionalhistoriker des Vereins unterstützt und begleitet, wobei die Arbeiten sogar in kleinen Veröffentlichungen gedruckt werden konnten. Als 2015 eine dreiköpfige Vereins-Delegation nach Israel reiste, war das Ziel nicht nur die Präsentation eines Buches, das ein Überlebender der Shoa in Haifa mit unserer Hilfe geschrieben hat, sondern auch ein Besuch der Gedenkstätte Yad Vashem von Jerusalem, der wir einen vollständigen Satz unserer Veröffentlichungen für die Gedenkstätten-Bibliothek zur Verfügung stellten.

Mittlerweile hatte der Verein begonnen, in kleinen Schritten die Sanierung des Hauses voranzutreiben. Wir konnten Stiftungen, Firmen und den Evangelischen Kirchenkreis dafür gewinnen, mit beachtlichen Beträgen unsere Bauvorhaben zu unterstützen. Neben diesen finanziellen Hilfen waren es vor allem die Mitarbeiter im Bundesfreiwilligendienst, die Schritt für Schritt die Sanierungsarbeiten voranbrachten – angeleitet durch den kunstsinnigen und geschichtsbewussten Architekten Hellmar Schultz. Die Stadt und besonders Bürgermeister Rüdiger Eisenbrand halfen durch die Bereitstellung von Containern zur Schuttabfuhr. Mit Hilfe eines Landesprogramms zur Gebäudesicherung und durch die begleitende Förderung durch die Stadt Apolda konnte ein erster Bauabschnitt abgeschlossen werden, der die Neudeckung der Dächer der Nebengebäude beinhaltete. Inzwischen ist auch der zweite Bauabschnitt vollendet – ebenfalls mit Förderung durch das Gebäudesicherungsprogramm- , der die statische Sicherung der Giebelwand und die Dachneudeckung des Prager-Hauses umfasst.

Das schönste Ereignis freilich war zwischendurch die Einweihung von „Pragers Hof“ anlässlich des 127. Geburtstages des Fellhändlers. In einem Vereinsraum, der aus Pragers Fell-Küche entstanden war und der nun durch eine Glas-Faltwand zum Hofraum geöffnet werden kann, erfreuten sich zahlreiche Besucher an einer Aufführung des Juchhee-Theaters mit dem Stück „Der König und sein Narr“. Anlässlich des „2. Treff bei Pragers“ besuchte der „Yiddish Summer Weimar“ die neue Begegnungsstätte mit einem Klezmer-Konzert. Diese Kooperation wird auch in den folgenden Jahren fortgeführt in Zusammenarbeit mit dem Yiddish Summer Weimar. Die neu entstandene intime Veranstaltungsstätte „Pragers Hof“ wird in Abständen Musikern, Dichtern und anderen Kulturarbeitern  Gelegenheit zum Zusammentreffen mit Interessierten an jüdischem Leben geben. Damit ist nicht nur Apolda, sondern Thüringen mit einer Stätte der Erinnerung an jüdisches Leben bereichert geworden. Die Einweihung des Gesamtobjekts soll 2018  erfolgen.

Peter Franz, Evang.-luth. Theologe

Geschäftsführer des Prager-Haus Apolda e.V.

Seit November 2018 kann der Interessent oder Besucher ein Faltblatt mitnehmen.

Nach der Eröffnung des Lern- und Gedenkorts Prager-Haus gibt es nun auch ein umfangreiches 12seitiges Faltblatt mit ausführlichen Informationen über alle Baulichkeiten und Funktionen des Hauses.

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